Pressespiegel

Die Welt,   19. April 2004 

Die bildungspolitischen Hiobsbotschaften, die die Nachrichten seit vielen Jahren dominieren, werfen kein gutes Bild auf den Zustand der deutschen Schulen. Das Mittelmaß, das sich alljährlich von der Schule an die Universitäten ergießt und diese offenbar davon abhält, elitäre Leistungen zu erbringen, provoziert die Frage, was eigentlich los ist mit dem deutschen Gymnasium. Darauf gibt Hans-Peter Meidinger in der Zeitschrift Freiheit der Wissenschaft eine optimistische Antwort. Das ist zwar nicht allzu überraschend, weil es sich bei Meidinger um den Chef des Philologenverbandes, des Dachverbandes der Gymnasiallehrer, handelt, beachtenswert sind seine Worte gleichwohl. Mit Gründen, die man auch einem Lobbyisten abnimmt, wehrt sich Meidinger etwa gegen die immer wieder gern geforderten neuen Schulfächer. Ob Wirtschaft, Ernährungskunde, häusliche Pflege oder Manieren - wann immer ein gesellschaftliches Defizit auftaucht, folgt von irgendwo der Vorschlag, die Schule müsse die Lücke mit der Kreation eines neuen Pflichtfachs schließen. "Lassen wir uns nicht ständig einreden, wegen der unbestrittenen Verpflichtung zum ,lifelong learning' und auf Grund der behaupteten abnehmenden Halbwertzeit des Wissens sei vieles von dem, was heute am Gymnasium unterrichtet werde, verzichtbar. .... Natürlich müssen wir im Berufsleben immer weiter dazulernen, natürlich nimmt die Fülle an Wissen, an Informationen ständig zu. Vieles aber, was heute am Gymnasium gelehrt wird, veraltert nicht: Sprachenkompetenz, geschichtliches Wissen, logisches Denkvermögen, literarische Bildung." Dem Auftrag des Gymnasiums, vertiefte Allgemeinbildung zu vermitteln, stünde die "Utilitarisierung von Bildungsinhalten", die aus der Forderung nach immer neuen Schulfächern spricht, allerdings entgegen; sie führt zu einer "Vernachlässigung grundlegender Bildungskanons, einer Stundenkürzung in den Kernfächern und einer schleichenden Zurückdrängung musisch-sportlicher Bildung". Auf diesem abschüssigen Weg ist der Durchschnittsgymnasiast allerdings schon ein ganzes Stück marschiert, was Meidinger nicht thematisiert, aber immerhin durchschimmern lässt, wenn er Manfred Fuhrmanns These zitiert, "dass es dem Gymnasium der Gegenwart an einer die Realität im vorhinein ordnenden Orientierung ermangele, also an einer Kraft, die das Vielerlei des Wissens durchdringt und zur Einheit findet". Sp
 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. 4. 2004

„Lehrerbildung nicht aufs Spiel setzen"

oll. FRANKFURT, 31. März. Der Deutsche Hochschulverband hat gemeinsam mit dem Deutschen Philologenverband, dem Deutschen Lehrerverband, dem Bund Freiheit der Wissenschaft sowie weiteren Interessenverbänden davor gewarnt, international bewährte Studiengänge bei der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen aufs Spiel zu setzen. Besonders gefährdet sei die wissenschaftliche Qualität in der Lehrerbildung, heißt es in einer Erklärung des Verbandes, der derzeit in Aachen tagt. Die Lehrerbildung müsse auch künftig zweiphasig organisiert werden und in der ersten Phase an der Universität angesiedelt sein, in der zweiten Phase einem praxisnahen Referendariat gelten, grundständig auf das angestrebte Lehramt ausgerichtet und in Studiengängen für Lehrämter an weiterführenden Schulen fachwissenschaftlich fundiert sein. Die Kritik der Verbände richtet sich nicht generell gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Sie unterstützten alle Bemühungen, den Studierenden eine bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse, mehr Mobilität sowie kürzere Studienzeiten zu erlauben. Mit Unverständnis reagierten sie auf die Absicht, die international bewährten Diplom- und Staatsexamensstudiengänge überall durch Bachelor und Master zu ersetzen, obwohl bisher kaum Erfahrungen über deren Qualität vorliegen. Außerdem hat der Verband ein eigenes Dienstrecht für Hochschullehrer gefordert. Sie sollen künftig nicht mehr den Beamtenstatus besitzen, sondern nach einem eigenen Statusrecht beschäftigt werden. Es sei nur logisch, daß der Gesetzgeber nun vollende, was er bei den Richtern mit gutem Grund schon begonnen habe. Bei den Professoren ergebe sich ein eigenständiges Statusrecht aus der besonderen Rolle, die ihnen das Grundgesetz mit der Freiheit von Forschung und Lehre zuweise. Durch ein Hochschullehrergesetz des Bundes oder des Landes müsse vor allem die persönliche und sachliche Unabhängigkeit der Professoren gewährleistet werden. Der amtierende Präsident des Hochschulverbandes, Hartmut Schiedermair, warnte vor Überlegungen, Professoren als Angestellte zu beschäftigen. Das verkrustete deutsche Tarif System könne die erforderliche Mobilität und Flexibilität der Hochschullehrer nicht gewährleisten. Zu Schiedermairs Nachfolger wählten die Delegierten den Kölner Rechtswissenschaftler Bernhard Kempen. Der 44 Jahre alte Kempen lehrt in Köln Völkerrecht und Öffentliches Recht und ist geschäftsführender Direktor des Instituts für deutsches und europäisches Wirtschaftsrecht der Universität zu Köln.