Gründungsaufruf von 1970


In einer Zeit rascher und tiefgreifender Wandlungen steht jede politische oder gesellschaftliche Institution vor der Frage, wie sie neuen Entwicklungen gerecht zu werden vermag. Die Antwort auf diese Frage kann aber weder in unkritischer Anpassung an Modeströmungen noch im Rückgriff auf ideologische Heilslehren bestehen, wenn eine Institution, Staatsform oder gesellschaftliche Ordnung in ihrer Substanz erhalten bleiben soll. Wo Ideologien die Oberhand gewinnen, welche die Zerstörung des Bestehenden als Voraussetzung für die Verwirklichung utopischer Ziele betrachten, dient der Ruf nach Reformen nicht mehr einer Modernisierung und Steigerung der Leistungsfähigkeit der Institution, sondern ihrer Lähmung und Vernichtung. Vor einer solchen Gefahr stehen heute die Hochschulen in der Bundesrepublik. Vor der gleichen Gefahr könnte morgen der Staat stehen.
Die zahlreichen unverhüllten Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft sind in den letzten Jahren auf merkwürdig geringen Widerstand gestoßen. Obwohl Verleumdungen, Terror, Gewaltanwendung und Rechtsverletzung immer üblicher wurden, beschönigte man dies alles als eine Folge verzögerter Reformen des Hochschulwesens oder einfach als jugendlichen Radikalismus, wie es ihn eh und je gegeben habe. Man nahm nicht zur Kenntnis, was die "progressivsten" studentischen Kreise offen erklärten, nämlich, daß die Hochschulen für sie ein Experimentierfeld zur Vorbereitung des Vernichtungskampfes gegen die "spätkapitalistische" Gesellschaft seien. Heute tritt die Forderung nach Politisierung der Wissenschaft schon mit der Intoleranz auf, die man in totalitären Herrschaftssystemen beobachtet. Wissenschaft darf nur ergeben, was "gesellschaftlich relevant" ist; aber was "Gesellschaft" und "Relevanz" bedeuten, wird nicht wissenschaftlich untersucht, sondern dogmatisch festgesetzt.
Es ist ohne Zweifel richtig, daß heute die Gesellschaft weit größere Ansprüche an die Wissenschaft stellt, als es früher der Fall war, und daß umgekehrt das gesellschaftliche Dasein in viel stärkerem Maße von der Wissenschaft bestimmt wird als je zuvor. Die Hochschulen können also nicht länger von der Vorstellung ausgehen, daß sie nur für eine Elite da sind, daß eine kleine Anzahl von Ordinarien riesige Einzelgebiete in Forschung und Lehre verantwortlich vertritt, daß die Auswahl der Wissenschaftler in Gremien getroffen wird, deren Mitglieder einander kaum noch verstehen können. Wenn der Begriff "Demokratisierung" so verstanden wird, daß sozial ungerechte Zugangsbeschränkungen beseitigt werden, daß die Lehrkörper beträchtlich erweitert und die kleinsten Einheiten anders bestimmt werden, so hat er einen guten Sinn.
Aber der entscheidende Tatbestand ist, daß dieser Prozeß einer notwendigen und unaufhaltsamen Demokratisierung von einem anderen Begriff der Demokratisierung begleitet, überholt und verdorben worden ist, der die Wissenschaft einem fremden Gesetz unterwirft, dem Gesetz der Verpflichtung auf die Parteinahme in einer angeblichen Weltauseinandersetzung zwischen dem Guten und dem Bösen. Selbst wenn dieser pseudoreligiöse Impuls nicht mit allen Undurchsichtigkeiten einer modernen Jugendbewegung, mit unreflektiertem Machtwillen und dem Wunsch nach Selbstdarstellung verquickt wäre, würde er für die Wissenschaft zerstörend sein, denn sie kann nur existieren, solange kein Dogma im voraus festlegt, was das Gute und was das Böse ist. Daher hat der Marxismus einen legitimen Platz an der Hochschule, sofern er sich als selbstkritische Methode der Erkenntnis versteht, nicht dagegen als fanatischer Anspruch auf Alleinbesitz der Wahrheit oder gar als militanter Aktionismus.
So sieht sich die deutsche Universität heute dem umfassenden Angriff ausgesetzt, durch den eine Ideologie unter Ausnutzung objektiver Zwänge und Schwierigkeiten die angeblich "bürgerliche" Wissenschaft und die angeblich bloß "formale" Demokratie der westlich-parlamentarischen Gesellschaftsordnung ihrem Herrschaftsanspruch zu unterwerfen sucht. Die unbegrenzte Mitbestimmung der Studenten ist das Brecheisen, mit dem die deutsche Universität als die schwächste Institution dieser Gesellschaft aus den Angeln gehoben werden kann. Das Unbehagen der Öffentlichkeit und der staatlichen Instanzen angesichts des langsamen Fortschritts der "Reformen" und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem Tabu-Bepriff der Demokratisierung bildeten und bilden den Rauchschleier, hinter dem sich dieser Vorgang verbirgt.
Der Bund Freiheit der Wissenschaft soll ein Zusammenschluß derjenigen sein, die sich des untrennbaren Zusammenhangs von Freiheit der Wissenschaft und freiheitlicher Demokratie bewußt sind. Grundvoraussetzung der Freiheit der Wissenschaft aber ist, daß ausschließlich Wissenschaftler darüber entscheiden, wer als Wissenschaftler anerkannt wird.
Die wichtigste Forderung des Bundes Freiheit der Wissenschaft ist daher die Sicherung der staatlich kontrollierten Selbstbestimmung der im Zuge der Demokratisierung erweiterten Lehrkörper in allen Fragen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Qualifizierung. Aber eine Universität ist keine Akademie. Es versteht sich, daß bei der Festsetzung der Anforderungen professioneller Qualifizierung die Mitwirkung der staatlichen Organe und der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen von der Sache her notwendig ist und daß sich für die Mitwirkung der Studenten, vor allem in Fragen der Didaktik und der studentischen Arbeitsbedingungen, eine Fülle von Möglichkeiten anbietet.
Der Bund Freiheit der Wissenschaft wird in einem Augenblick gegründet, in dem der alte Gegensatz zwischen "Konservativen" und "Reformern" in hochschulpolitischen Fragen überholt ist, ja er ist ein Ausdruck dieses Tatbestandes. Diejenigen, welche die "Kritik" zur Waffe eines Dogmas und die Hochschulreform zum Instrument der Verfassungsfeindlichkeit machen, haben guten Grund, über Reaktion zu schreien. Vernunft ist eine Reaktion gegen Unvernunft, Staat eine Reaktion gegen Anarchie, Wissenschaft eine Reaktion gegen bloße Emotion oder prätentiöse Absolutheitsansprüche.
Wir stellen uns gegen die Herrschaft der Phrase. Wir werden die Öffentlichkeit darüber aufklären, was an den Universitäten wirklich geschieht und inwiefern es dabei nicht nur um die Freiheit der Wissenschaft, sondern auch um den freiheitlichen Staat geht. Wir werden dabei insbesondere die jüngeren Wissenschaftler gegen die entwürdigenden Abhängigkeiten verteidigen, in die sie zu geraten drohen. Wenn Professoren diffamiert und ausgesperrt, wenn Assistenten von aufgeregten Kollektiven boykottiert, wenn Studenten gegen ihren Willen indoktriniert werden, so werden wir Anklage erheben und nach besten Kräften Hilfe leisten. Wenn Ausschreibungen auf eine vorher bestimmte Person hin vorgenommen, wenn Habilitationen um politischer Verdienste willen vollzogen, wenn Stellen als Belohnungen für Aktivitäten in der "Selbstverwaltung" vergeben werden, wenn Ministerien bereit sind, neugeschaffene Professuren ohne Ausschreibung und ohne Hinblick auf wissenschaftliche Qualifikation nach Gutdünken oder unter Pressionen zu besetzen, werden wir nicht schweigen. Die Forschung darf weder von ideologisierten Gruppen noch von Einzelinteressen noch von der Tagespolitik in Pflicht genommen werden; die Forschung soll sich aber verstehen als Dienst an der Gesellschaft. Wir hoffen, daß unser ganzes politisches Leben neue Impulse erhalten wird, sobald die Bedeutung und die Gefährlichkeit des unerwarteten Angriffs, der an den Hochschulen begonnen hat, sich aber nicht auf die Hochschulen beschränkt, ins öffentliche Bewußtsein gedrungen sind.
Wir bitten alle Staatsbürger um ihre Unterstützung, die nicht tatenlos zusehen wollen, wenn mit der fragilsten seiner Institutionen auch der Staat ins Schwanken gerät, der trotz aller seiner Schwächen die feste Basis aller künftigen Entwicklungen sein muß.
Der Gründungskongreß findet am 18. November 1970 in der Stadthalle von Bad Godesberg statt. Willkommen sind alle Personen, die im Sinne dieses Aufrufs an den Geschicken der deutschen Universitäten Anteil nehmen. Anmeldungen oder Erklärungen werden erbeten an das Büro der Wissenschaftlichen Gesellschaft e. V., 8000 München 75, Postfach 750913.

Edith Eucken-Erdsiek, Haus Joachim Geisler, Karl Häuser, Wilhelm Hennis, Gerhard Löwenthal, Richard Löwenthal, Hermann Lübbe, Hans Maier, Ernst Nolte, Heinz-Dietrich Ortlieb, Konrad Repgen, Walter Rüegg, Horst Sanmann, Heinz Sauermann, Erwin K. Scheuch, Hatto H. Schmitt, Hermann Schmitt-Vockenbausen, Gerhard Schröder, Gerd Tellenbach, Friedrich H. Tenbruck, Waldemar Wittmann