17.03.2012


„Die Starken stärken“ – Strategische Partner prägen die Wissenschaftslandschaft:

Anmerkungen zum 8. Hochschulsymposium (Berlin, 01./02. März 2012)

Willi Eisele*

 

Mit dem 8. Hochschulpolitischen Symposium haben die Hanns- Martin- Schleyer-Stiftung und die Heinz- Nixdorf-Stiftung in Kooperation mit der Helmholtz-Gemeinschaft und der Ludwig-Maximilians-Universität München ihren Ruf bestärkt, die Wissenschaftslandschaft in Deutschland innovativ und vorausschauend mitzuprägen. Dem guten Ruf folgte hinsichtlich hochkompetenter Referenten und Diskussionspartner ein starkes Echo:

Dr. Ludolf-Georg von Wartenberg (HMSS), Prof. Dr. Jürgen Mlynek (Helmholtz-Gemeinschaft) und Prof. Dr. Bernd Huber (Präsident der LMU München) konnten in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt fast 300 Gäste aus Wissenschaft, Politik, Journalistik und Kultur willkommen heißen.

 

I. Vorträge

 

Zur Einführung weitete Prof. Dr. Persis Drell, die Leiterin des Stanford Linear Accelerator Center, einer der führenden US-Forschungseinrichtungen, den Blick der Zuhörer auf  eine bewährte Kooperation zwischen der renommierten Stanford University und außeruniversitären Forschungseinrichtungen: „Die besten Ideen kommen von Individuen (bottom up), Ressourcen werden von oben gesteuert (managed top down)“, die persönliche Botschaft an ihre deutschen Kollegen lautete: „Form follows function!“ Ihr Rat war eindringlich: die begabtesten, risikobereiten Nachwuchskräfte zu fördern. Exemplarisch zeigte sie das Zusammenwirken von nationaler Forschungsförderung und den Vertragspartnern, den Government Owned Contractor Operated Laboratories (GOCOs) auf: „The government decides what’s to be done, and the contractor decides how and by whom.“ Zur Erfüllung des Forschungsprogramms und für den Bestand der Fördermittel gelte das amerikanische Sprichwort: „You cannot herd cats, but you can move the food“. Dieses Motto erhöhe Risiko- und Leistungsbereitschaft für eine herausragende Forschungsarbeit.

 

Prof. Dr. Jürgen Mlynek zeigte als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft auf, daß die Versäulung der deutschen Forschungslandschaft, in der Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen nur nebeneinander existierten, einem Miteinander gewichen sei: „Unsere wirtschaftliche Kraft speist sich aus exzellenter Wissenschaft und Forschung als Garanten für zukunftsfähige Arbeitsplätze“. Ob es um die Kooperation der Berliner Humboldt-Universität mit 40 außeruniversitären Forschungsinstituten, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) oder die Jülich-Aachener Research Alliance geht – gemeinsam sei ihnen eine „außerordentliche Sichtbarkeit, Schlagkraft und Wirksamkeit im internationalen Wettbewerb in der Umsetzung des Handlungsmottos „Think big – act big!“ Einfallsreich und konsequent haben die international aufgestellten Max Planck-Institute (IMPRS), ein Leibniz-Wissenschaftscampus oder die Fraunhofer Innovations-Cluster projektbezogen die Wissenschaft in Kooperationen vorangebracht. Angesichts der zeitlichen Begrenzungen von Exzellenzinitiativen (bis 2015/ 2020) sehe er einen akuten Handlungsbedarf – weg vom „Fahren auf Sicht“ hin zur langfristigen Ausrichtung auch unter dem Risiko von Tabubrüchen: Absicherung einer Grundfinanzierung als Kern der Lösung, Alternativen zur befristeten Projektfinanzierung, Aufhebung des Kooperationsverbotes Bund ./. Länder gem. Art. 91 b GG mit dem Ziel der „Mitfinanzierung“ der Universitäten durch den Bund auf Dauer („kleine Lösung“). Für die Mission der Helmholtz-Gemeinschaft bringe dies zusätzliche „verläßliche Strukturen“ im Hinblick auf Forschungsziele bis hin zu Fusionen mit dem Effekt weiterer Wertschöpfung, Sicherung von Arbeitsplätzen und Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs – zugegebenermaßen profitieren die verschiedenen Disziplinen auf graduell unterschiedliche Weise.

 

 

Prof. Dr. Bernd Huber stellte in seinem Vortrag zum Generalthema die Entwicklung vom traditionellen gutnachbarlichen Nebeneinander von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die sich in den letzten Jahren rapide und dramatisch ergebenden Änderungen heraus. Dieser Differenzierungsprozeß habe neidlos zu engen, wirksamen Kooperationen mit dem Ziel geführt, „exzellente Wissenschaft voranzutreiben“ – ein Prozeß, dessen Chancen gerne betont würden, der aber auch Risiken berge und gegebenenfalls an Grenzen stoße. Er erinnerte daran, daß die Universität Forschung und Lehre betreiben und neben den MINT-Fächern auch die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften im Blick haben müsse. Was die Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen angehe, werden in München alle denkbaren Formen bis hin zum „merger“ diskutiert und ohne Hierarchiereglement praktiziert. Skeptisch sehe er allerdings den Begriff „Bundesuniversität“, da er sich in einer veränderten Grundfinanzierung eher eine Ergänzung und Abrundung der Forschungsfinanzierung vorstelle. Er sehe in der gegenwärtigen Lage ein sehr knappes Zeitfenster, weil es auch darum gehe, in einem harten Kampf die „Mittel im System“ zu halten – wer hier zu weit vorpresche, möge bedenken, daß bei einem Zugewinn durch Bundesmittel die Finanzierung der Landesuniversitäten durch das Bundesland nicht riskiert werden dürfe, v.a. in Krisen, in denen die Länderfinanzminister von „Schuldenbremsen“ sprechen – und sie wohl auch 1:1 umsetzen müssen.

 

II. Workshops

 

Mit einem richtig professionellen Zeitmanagement ist es den Moderatoren (Martin Spiewak, Die ZEIT; Prof. Dr. Katharina Kohse-Höinghaus, Bielefeld; Prof. Dr. Dietmar Harhoff, LMU; Dorothee Dzwonnek, DFG; Prof. Dr. Babette Simon, Oldenburg; Dr. Jeanne Rubner, BR) gelungen, das angesprochene Generalthema in vier workshops zu vertiefen und für das Plenum abschließend aufzubereiten. 

 

Zu Modellen und Formen der Kooperation (workshop 1) wurde zusammenfassend die Notwendigkeit dargestellt, daß auf beiden Seiten – Universität und außeruniversitäre Kooperationspartner – ein ausgeprägter Unternehmergeist entwickelt werden müsse, um großartige Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu entwickeln, wie dies exemplarisch in Karlsruhe (KIT) und Jülich-Aachen für die MINT-Fächer entwickelt worden sei. Ergebnisse und Akteure müssen auf nationaler und internationaler Ebene „sichtbar“ werden, die Strukturen für gelungene strategische Allianz müssen rechtlich verbindlich abgesichert werden, um auch dem Studierenden der ersten Semester plakativ den Nutzen aus solchen Kooperationen vor Augen zu führen.

 

Den rechtlichen Aspekten von geistigem Eigentum und Innovationen (workshop 2) dienten die Diskussionsergebnisse unter der Moderation von Prof. Dr. Harhoff: wenn eine Absicherung des intellektuellem Eigentums der beteiligten Forscher gelinge, diene dies auch dem Bestand von kooperierenden Institutionen, der Absicherung eines hoch effektiven Mitarbeiterstabs und der Transparenz von Forschungsarbeit (./. Betriebsgeheimnis). Gute, vielversprechende Kooperationen dienten ebenso als Vehikel für Neugründungen in der Form von GmbH (Beispiele aus Dresden, Halle, Rostock). Als schädlich erwiesen sich für die Teilnehmer dieser Diskussionsrunde die föderalen Grenzen und die Tatsache, daß für solche Kooperationsformen bisher nur die MINT-Fächer bevorzugt werden.

 

Den Strukturen und Perspektiven strategischer Partnerschaften im föderalen System der Bundesländer widmete sich workshop 3. Hier wurden zunächst die vielfältigen Möglichkeiten erörtert, die es bereits heute gibt und deren Erfolge es zu erhalten gelte. Als defizitär in bezug

auf die Finanzierungsmöglichkeiten von außen erweisen sich die Geistes- und Sozialwissenschaften. Nur ein effektiv breiter Mitteleinsatz könne alle Disziplinen zu Gewinnern machen.

Um eine Grundfinanzierung durch den Bund neu einzurichten, gelte es, die Hürde des Art. 91 b 1 GG und Art. 104 GG zu überwinden – insofern spielte die aktuelle Diskussion über Veränderungen in der Hochschulpolitik auch in Abwesenheit von Bundesministerin Prof. Dr. Annette Schavan (BMBF) in allen workshops und der Schlußdiskussion im Plenum eine Rolle.

 

Wissenschaftliche Ausbildung und Nachwuchsförderung – „das Beste aus zwei Welten“ dafür zu rekrutieren – stand im Mittelpunkt von workshop 4, dessen Teilnehmer  sich eindrucksvoll diesem Petitum widmeten. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses müsse mit hoher Verantwortung betrachtet werden, um „verläßliche Karrieresysteme zu schaffen“. Dabei seien die derzeit geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen ein besonders sensibler Punkt, u.a. auch die Besoldung im W-System.

 

III. Abschlußplenum

 

Im Abschlußplenum zeichneten sich folgende zusätzliche Argumente ab: Prof. Dr. Ing. Wolfgang Marquardt stellte als Vorsitzender des Wissenschaftsrats für sein Statement besonders heraus, wie sehr transparente Lösungen zu beiderseitigem Nutzen in Kooperationsmodellen sich auswirken können: Grundlagenforschung sei essentiell, bevor an Anwendungsorientierung in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gedacht werde. Kooperationen sollen nicht mehr nur befristet und thematisch fokussiert gesehen werden (vgl. Wissenschaftsrat, 2000, S. 42), sondern langfristig angelegt werden. Sie seien „nicht alternativlos, sondern eine ausgezeichnete Option , um komplementäre Kompetenzen zusammenzuführen, Kräfte zu bündeln und Kreativität zu erhöhen“. Freie Forschung und Transparenz seien zu beiderseitigem Nutzen – so Prof. Dr. Andreas Barner von der Unternehmensgruppe Boehringer-Ingelheim GmbH – und erfordere ein „sehr genaues Hinschauen“, was die Investition aus der Perspektive der Pharma-Industrie betreffe. Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich (Charité, Berlin) ergänzte für die Universitätsmedizin im „Campus Nord“ (Berlin), daß es für die weitere Entwicklung im Sinne der Exzellenzinitiativen um den Mut aller Beteiligten, auch der Politik, gehe, um Vertrauen in die gute Sache auf der Seite aller Kooperationspartner und den Respekt voreinander, um Reibungsverluste zu vermeiden.

 

In Vertretung der Bundesministerin zog StS’ Cornelia Quennet-Thielen  (BMBF) für ihr Haus ein Fazit: Wissenschaft und Politik müssen in der Frage der Forschungsförderung an einem Strang ziehen (10% BIP als Zielmarke),es gelte Pakte zwischen Bund und Ländern i.S. eines Spitzen-Cluster-Wettbewerbs zu schließen, Nachhaltigkeit zu erzielen, indem „unsere Universitäten das Rückgrat unseres Wissenschaftssystems bleiben“. Zudem gelte es, „Starke und Stärken zu stärken“: finanziell habe der Bund bereits 12 Mrd. EURO in der laufenden Legislaturperiode aufgebracht. Deshalb sei es logisch, daß weiterer Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten geschaffen werden müßten – mit einer Grundgesetzänderung beim Art. 91 b 1 solle erreicht werden, daß der Bund nicht nur punktuelle Vorhaben, sondern auch Einrichtungen dauerhaft fördern könne. Dabei sei die anvisierte Grundgesetzänderung als Legitimationsgrundlage der Bundesregierung gegenüber dem Bundestag und dem Bundesrat zu verstehen. Natürlich komme darin ein Gestaltungswille zum Ausdruck: der Bund wolle schließlich „nicht nur bezahlen“. Als zweites Ziel kündigte die Staatssekretärin an, ein „Wissenschaftsfreiheits-Gesetz“ dem Gesetzgeber vorzulegen und weitere strategische Partnerschaften in der Wissenschaft international vernetzen zu wollen.

Für die Bundesregierung sei die Nachwuchsförderung integraler Bestandteil des gegebenen Handlungsrahmens (i.R. Bologna-Prozeß) sowie eine „Willkommenskultur aus Überzeugung“ gegenüber Fachkräften und Wissenschaftlern aus anderen Ländern und Kulturen.

 

* Der Berichterstatter ist Regionalvertreter des Bundes Freiheit der Wissenschaft in Bayern.  Seine Biographie ist einzusehen unter www.nuernbergwiki.de/index.php/Willi_Eisele