09.08.2012

Ermutigen - Begeistern - Führen: Für einen neuen pädagogischen Zeitgeist                  

Pädagogik als Entwicklungsarbeit zwischen Menschen – wider „die Erosion der Lehrerwürde“.

Wer Michael Felten kennt, weiß, dass er hart an der Wirklichkeit schreibt: aus der Praxis für die Praxis. Seine Bücher verschmähen die Visionen einer heilen Schulwelt, die erst noch geschaffen werden muss, bevor guter Unterricht möglich ist, und vermögen dennoch (oder deshalb ?) gute Pädagogik darzustellen. Feltens Credo: Hier und jetzt muss guter Unterricht passieren, und er kann es auch. Dazu bedarf es keiner Umstrukturierungen, eines Umbaus des gesamten Schulsystems, und keiner neuen methodischen Erfindungen oder gar didaktischer Revolutionen. Es bedarf vielmehr einer ganzen Menge „Eigensinn“, der zunächst einmal darin besteht, an bewährtem Lehrerhandeln festzuhalten und eine gewisse Resistenz gegenüber vielen verunsichernden und letztlich belastenden Neuerungen zu entwickeln. Die Maxime des Handelns sollte sein: Wisse, was Du kannst und lasse Dich von bürokratischen Schlaumeiereien der Kultusbehörden nicht verunsichern! Handle gemäß einer Strategie der Begeisterung! Wecke und befriedige die Neugier der Schüler! Sei ein verlässlicher Partner und Führer, der seinen Schülern in „herzlicher Strenge“ den Weg weist und beibringt, was sie wissen sollen und wollen! Veranstalte keinen Methodenzirkus, lass Dich nicht von Qualitätsanalytikern einschüchtern, denen Du ja sowieso nur alle drei oder fünf Jahre ein Potemkinsches Dorf aufbaust, wenn sie sich Deinen Unterricht anschauen. Verbessere lieber, was Du täglich tust! Denn: Du sollst nicht bei Konferenzen klug schwätzen und bei Fortbildungen, die Dich unterfordern, Zeit verlieren: Deine Aufgabe ist es, guten Unterricht zu machen.

Michael Felten ist kein Zyniker. Er ist gern Lehrer und gibt denen, die wie er von dem „Bildungsgerede“ genug haben, mit seinem Büchlein eine Anregung, sich selbstbewusst im Strom der Veränderungen zu behaupten. Er zeigt auf, dass nicht jede Veränderung auch Verbesserung bedeuten muss, vor allem wenn sie am Kern des pädagogischen Auftrags vorbei zielt. Alles, was geschieht, soll um der Förderung der Schüler willen geschehen, und nicht zum Lob und Ruhme von Besserwissern, Schulbürokraten und anmaßenden Außenstehenden. 

Michael Felten gibt eine Reihe praxisnaher Vorschläge für den Umgang mit Schülern, „einfachen“ und „schwierigen“. Er ist kein Feind helfender psychologischer Unterstützung. Im Gegenteil: Er plädiert für sensible Zuwendung, die reflektiert und auf psychologischen Kenntnissen aufgebaut sein sollte. Ebenso wichtig sind Zielstrebigkeit und fachkundige Wissensvermittlung. Er mahnt an, die Ergebnisse der Hattiestudie ernst zu nehmen und in deren Sinne eine Unterrichtsweise zu bevorzugen, die auf die deutliche Führung durch den Lehrer setzt. „Ein guter Lehrer, das ist jemand, der seinen Schülern nicht nur die Hand bietet, sondern auch die Stirn“ (S. 57). Selbstverständlich geht es nicht um autoritäre Herrschaft im Klassenzimmer, um hohle Arroganz oder rohe Unterdrückung, sondern um den rücksichtsvollen und durchdachten Aufbau einer personalen Erziehung, in der Ermutigung eine große Rolle spielt. Der „Dauermodus der Ermutigung“ bringe mehr als alle „Methodenkirmes“ (S. 66). Dem pädagogischen Entwicklungsoptimismus verschrieben, ließen sich verschüttete Potenziale ausfindig machen und schwierige Schüler nachhaltig verändern. Die Erfahrung zeige, wie „Bildungswenden“ (S.72) möglich werden. Allerdings: Die Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt, „nicht jeder Weg ist gangbar“ (S.73).

Michael Felten hat sich den Frust von der Seele geschrieben, der viele in der Bedrängnis des „Bildungsgeredes“ und in Zeiten wohlfeiler Lehrerschelte befällt. Er übergießt jedoch, was er kritisiert, nicht mit Häme oder mit bösartigen Schmähungen, allenfalls bedient er sich sanfter Ironie, an der der Leser sein Vergnügen haben kann, zum Beispiel, wenn er aus einem Schulinspektionsbericht zitiert (S. 86). Michael Felten hat ein warmherziges Buch geschrieben. Man liest seine Ratschläge gern. Ob jemand ihnen folgt und wie oder wie weit, das kann jeder selbst entscheiden. Auch das gehört natürlich zum „Eigensinn“, den der gestandene Lehrer entwickeln soll.

Im Buch selbst finden sich keine Anmerkungen außer dem Hinweis, dass die Anmerkungen auf der Internetseite des Verfassers nachgelesen werden können (s.u.). Wer sich der Mühe unterzieht, dort nachzuschlagen, findet die entsprechenden Belege und zusätzlich Anregungen für weiterführende Lektüre. Indem Felten die Anmerkungen auf seine Website verschiebt, gewinnt sein Büchlein den kompakten Charakter und die Fassung, die einer Philippika angemessen ist, kein übler Schachzug, um den Gedankengang kontinuierlich zu entwickeln und dennoch auf die gebotene Wissenschaftlichkeit nicht zu verzichten.

Für Lehrer, die schon lange im Dienst sind, wird dieses Buch eine Bestätigung ihrer innersten Überzeugung sein, dass die Substanz ihres Berufes nicht das formale methodische Arrangement ist, wie man ihnen einreden will, sondern das pädagogische Engagement: reflektierte Wissensvermittlung aus leidenschaftlichem Interesse an der Bildung junger, heranwachsender Menschen.

Für jüngere Kollegen könnte dieses Büchlein eine Anleitung zu solidem und bewährtem Lehrerhandeln sein, das langfristig Früchte trägt, weil es einen Maßstab zur Einordnung alles tönenden und tönernen „Bildungsgeredes“ bietet.

 

Winfried Holzapfel

 

Michael Felten, Schluss mit dem Bildungsgerede! Eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn, München 2012, Gütersloher Verlagshaus, 94 S., 9,99 Euro.

Der Autor, Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung, unterhält eine eigene Website: www.eltern-lehrer-fragen.de , auf der auch, wie oben erwähnt, die Anmerkungen zum Essay zu finden sind.