13.10.2011

Quaestio disputata


Einige Überlegungen zur aktuellen bildungspolitischen Forderung nach „Inklusion“, der flächendeckenden Einführung des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderungen, in der Einheitsschule. Grundlage des Erfolgs sei, sagen die Befürworter, eine neue „Pädagogik der Vielfalt“.


Videtur quod ...

Es scheint, dass eine inklusive Pädagogik den Menschenrechten entspricht, während eine Sonderpädagogik die Menschenrechte verletzt.

Dafür sprechen folgende Gründe:

Die Menschenrechte (vor allem Artikel 1 und 2)
Ethische und religiöse Überzeugungen (Gleichheit, Geschwisterlichkeit der Menschen)
Die UN-Konvention (Convention on the Rights of Persons with Disabilities) von 2006
Die historische Entwicklung


Sed contra

Dagegen aber spricht, dass die Sonderpädagogik in ganz besonderer Weise das Wohl des Kindes mit Behinderungen im Auge hat. Gerade durch die besondere Aufmerksamkeit auf die Arten der Behinderung werden die speziellen Benachteiligungen ausgeglichen. Sonderpädagogik ist somit in besonderer Weise human.

Ad 1 und 2)

Die Erziehungswirklichkeit an den Sonder- oder Förderschulen spricht eine deutliche Sprache. Die Kinder, die in diesen Schulen unterrichtet werden, fühlen sich dort gut aufgehoben. Ihre Lernumgebung und ihre Lehrer und Erzieher haben eine günstige emotionale Wirkung auf sie und lassen sie zu Menschen mit gut ausgeprägtem Selbstwertgefühl werden.
Die Eingliederung von Menschen mit Behinderungen in das berufliche Leben gelingt auf den Wegen des Förderschulwesens tadellos, so weit es auf dieses Förderschulwesen und die betreuenden und ausbildenden Einrichtungen ankommt.
Daraus ist ersichtlich, dass es weniger eine Sache des Schulwesens und der Erziehungs-, Ausbildungs- und Bildungswege ist, wie Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft integriert werden, sondern mehr eine Sache der Gesellschaft insgesamt und aller Menschen ohne Behinderungen, die lernen müssen, mit Anstand und Fürsorge humanen Umgang mit denjenigen Mitgliedern der Gesellschaft zu pflegen, die von Natur aus oder durch unglückliche Umstände benachteiligt sind und mit Behinderungen leben müssen.

Es erscheint inhuman, gegenüber diesen Menschen, statt Fürsorge walten zu lassen eine angeblich gerechte Behandlung einzufordern, die ihnen zum Nachteil gereicht oder ihnen überflüssige Anstrengungen zumutet.
Sie auf speziellen Wegen, auf denen man sich ihnen besonders gut widmen kann, zu fördern und in eine ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechende berufliche Zukunft zu führen, die ihnen produktive und kreative Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, ist hingegen eine notwendige und sinnvolle Unterstützung in dem Bemühen, ihre Benachteiligungen auszugleichen.
Eine noch so ausgeklügelte Methodik, eine noch so geschärfte Diagnosefähigkeit ist nichts ohne die Tugend der Nächstenliebe, die nicht einer Logik von Macht und Stärke und Konkurrenzdenken folgt, sondern dem anderen auch in seiner Schwäche und zutage liegenden Beeinträchtigung mit Achtung und Ehrfurcht (als Geschöpf Gottes, als Mit-Mensch) entgegentritt.

Ad 3)

Was die UN-Konvention betrifft, so ist ihre Auslegung (zumindest) umstritten. In der Hand der einen wird sie als Schlagstock gebraucht, um diejenigen, die Vorbehalte gegen die inklusive Pädagogik haben, im wahrsten Sinne des Wortes „mores“ zu lehren, die anderen verweisen darauf, dass Inklusion im Sinne dieser Konvention meine, dass Kinder mit Behinderungen in ein jedes Bildungssystem - unabhängig von seiner speziellen Ausgestaltung - eingegliedert  sein müssten, was für Deutschland zutreffe, so dass die UN-Konvention nach jetzigem Stand erfüllt wäre, was Weiterentwicklungen nicht ausschließe.

Ad 4)

In einer Bachelorarbeit zum Thema zeigt Marcel Gräf (1), wie sich der Verlauf der Pädagogik seitens der „Inklusionspädagogen“ als eine Bewegung von der Separation über die Integration zur Inklusion denken lässt, so dass Unterricht nach einer linearen, zwangsläufigen und so in sich stimmigen historischen Entwicklung den endgültigen Abschluss findet in einem Zustand, in dem noch nicht einmal mehr von Inklusion die Rede ist, weil die Gemeinsamkeit der Erziehung von Menschen mit und ohne Behinderungen dann ganz selbstverständlich geworden ist (2). Gräf fragt in einem Nebensatz, ob nicht vielleicht dann auch die Entwicklung wieder zur Separation zurückführen kann. Der Gedanke wird nicht weiter ausgeführt. Er blitzt nur kurz auf, aber er hat doch seine Berechtigung: Die inklusive Pädagogik lebt von der Hoffnung, dass sich ihre Intentionen flächendeckend verwirklichen lassen, dass gemeinsamer Unterricht zum Normalfall wird, dass durch eine „Pädagogik der Vielfalt“ die Herausforderungen zu meistern sind, die sich aus der Unterschiedlichkeit der zusammen lernenden Heranwachsenden ergeben.
Aber vielleicht täuscht sie sich. Wäre es nicht angebracht von den Schwierigkeiten her zu denken, die der Umsetzungsprozess, die pädagogische Revolution, mit sich bringen könnte, statt zu moralisieren und alles schönzureden? Die leichtfertigen Verbündeten in der Politik sollten nicht über die Schwierigkeiten des gemeinsamen Unterrichts im Unklaren gelassen werden, wenn er serienmäßig eingerichtet wird und eine grundständige Begeisterung dafür ebenso wenig vorhanden ist wie die dafür benötigte Ausstattung.
Peter Brenner verweist darauf, dass für den Umgang mit Kindern mit Behinderung eine „neue Ethik“ erforderlich ist (3), die sozusagen im existentiellen Tiefengrund des Anderen, also des behinderten Menschen, verankert ist und sich daraus speist. Eine solche neue Ethik, die neben der bestehenden von allen, die erziehen und unterrichten, zu pflegen wäre, um wirksam zu werden, lässt sich aber wohl nicht verordnen, und selbst wenn man verstanden hat, was gemeint ist, so wäre sie doch erst im Tun wirksam. Zwar ist es ein erhabener Gedanke, dessen Unerfüllbarkeit sich aber dem erschließt, der lange darüber nachdenkt. Es scheint, dass ein realistischer Blick auf das den Menschen im Alltag Mögliche zu größter Skepsis Anlass gibt.

Davon abgesehen, ist es ja auch häufig so, dass die öffentlichen Moralprediger im tagtäglichen Lehr- und Erziehungseinsatz nicht umsetzen müssen, was sie predigen, ein Umstand, der in ausgezeichneter Weise für die Protagonisten der neuen Pädagogik auf den Lehrstühlen und unter den Politikern zuzutreffen scheint.



Winfried Holzapfel



1) http://bidok.uibk.ac.at/library/graef-inklusionsbegriff-bac.html
2) So ähnlich dachte sich Karl Marx den Kommunismus: Als einen Sozialismus, der noch nicht einmal mehr a-theistisch genannt zu werden braucht, weil vom Theos sowieso keiner mehr weiß.
3) Peter Brenner, Bildungsgerechtigkeit. Seiner Meinung nach greifen rein juristische und administrative Maßnahmen zu kurz (so sehr es ihrer im Zusammenhang mit der Umsetzung bedarf). Die „neue Ethik“ hält er selbst für sehr anspruchsvoll
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