15.07.2012

Hanns Martin Schleyer-Stiftung und Robert Bosch Stiftung führten interdisziplinären                      Förder-Kongress für Nachwuchswissenschaftler durch

Im Rahmen der gemeinsamen Initiative 

Soziale Marktwirtschaft und Demokratie:Förderung von Vertrauen und Akzeptanz bei der jungen Generation“ 

veranstaltete die Hanns Martin Schleyer-Stiftung gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung vom 14. bis 15. Juni 2012 im Medien-Campus Leipzig den interdisziplinären Förderkongress

„Aufgeschlossen für Wandel – verankert in gemeinsamen Grundwerten: Demokratie und Wirtschaft in Deutschland und in der Europäischen Union“.

Die wissenschaftliche Leitung des Kongresses lag in den Händen des Juristen Prof. Dr. Rupert Scholz, Bundesminister a.D., und des Ökonomen Prof. Dr. Gunther Schnabl, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig. Seinem Wesen nach war der Kongress ein zweitätiges akademisches Seminar über die Regeln des Zusammenlebens in einer freiheitlichen Grundordnung. Den Veranstaltern ging es darum, bei der jungen akademischen Generation  das Vertrauen in die  politische und soziale Ordnung zu stärken. Im Vorfeld waren etwa 100 Nachwuchswissenschaftler aufgefordert worden, Thesenpapiere zu ausgewählten Aspekten einzureichen. Die nach dem Urteil von Fachexperten besten Beiträge durften von den Autoren auf dem Kongress in Arbeitskreisen zur Diskussion gestellt werden.

Am Vormittag des 14. Juni sprachen die Professoren  Martin Nettesheim, Uni Tübingen, und Thorsten Polleit, Degussa GmbH München, zur Frage „Trägt die Struktur der europäischen Union?“ , der erste Redner aus rechtlicher, der zweite aus ökonomischer Sicht. An der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Heike Göbel, FAZ, moderiert wurde, beteiligten sich neben den Referenten auch Ulrike Herrmann, TAZ Berlin, und Alexander Graf Lambsdorff, MdEP Brüssel, als Podiumsredner.

Nachmittags tagten die vier Arbeitskreise (AK)  in getrennten Räumen:

AK 1: „Demokratie und Finanzmarktregeln: Institutionelle Antworten auf die aktuellen Herausforderungen in Europa“,

AK 2: „Die Zukunft der Unternehmen und der Kapitalmärkte – Nachhaltigkeit in einer komplexen Welt“,

AK 3: „Entwicklungstendenzen und Zukunftsperspektiven des demokratischen Rechtsstaats in Deutschland und Europa“,

AK 4: „Werte und die Zukunft der Gesellschaft“.

Unter der Leitung von Universitätsprofessoren und fachkompetenten Publizisten stellten jeweils vier bis fünf Nachwuchswissenschaftler ihre vorgeprüften und ausgezeichneten Thesenpapiere zur Diskussion. Die Ergebnisse der Arbeitskreise wurden am nächsten Vormittag von den Journalisten aus den Podien der vier Arbeitskreise zusammengefasst: Beat Gyri, NZZ, für den AK1, Ulrike Herrmann, TAZ, für den AK2, Reiner Burger, FAZ, für den AK3, Stefan Schirmer, Die Zeit, für den AK4.

Danach hielten der Bundesverfassungsrichter Prof. Dr. Peter M. Huber, München, und der Wirtschaftsprofessor Gunther Schnabl Thesenvorträge zum gleichen Thema „Regieren die Märkte? – Die neuen Aufgaben des Staates in Boom und Krisen“

Abendlicher Plenarvortrag von Hermann Lübbe

Als intellektuellen und emotionalen Höhepunkt der Veranstaltung empfanden die Teilnehmer den abendlichen Plenarvortrag

 „Krisenbegünstigte Demokratie. Über Selbstbestimmungszwänge“

von  Professor Hermann Lübbe, einem der Gründungsväter des Bundes Freiheit der Wissenschaft (BFW) und Mitglied des ersten BFW-Vorsitzenden-Triumvirats. Der seit 1971 in Zürich ansässige, heute 85-jährige Philosoph legte in freier Rede dar,  warum er die Vorstellung deutscher Politiker und Intellektueller, die meinen, die derzeitige europäische Krise durch die umgehende Errichtung eines europäischen Bundesstaates überwinden zu können, für unrealistisch halte. Mit Verweis auf erprobte Erkenntnisse der antiken europäischen Moralistik  erläuterte er die Gefahr, die jede Selbstüberschätzung in einer Krisensituation mit sich bringe. Lübbe erinnerte an das Phänomen der fortschreitenden Pluralisierung  der europäischen Staatenwelt während des 20. Jahrhunderts, wobei sich die vielen kleinen Länder oft  als am wenigsten provinziell erweisen. Lübbe ging auch auf die oft behaupteten Leistungen der Europäischen Union (EU), deren Ursachen mißverstanden würden, ein, und er warnte vor einem neuen deutschen Sonderweg, der zu einer Selbstisolation gegenüber Frankreich und Großbritannien führen könne. Die Zukunft der EU werde davon abhängen, inwieweit es gelänge, die Bürger in Europa, die sich zunehmend mit ihrer eigenen Region identifizieren, einzubeziehen.

Der Kongress bot in den Räumen des modern eingerichteten Medien-Campus Leipzig vielfältige Gelegenheiten zu Gesprächen zwischen den ca. 220 Teilnehmern, den Jungakademikern und erfahrenen Hochschullehrern sowie Journalisten und Experten aus der „Praxis“. Die Diskussionen wurden bei einem gemeinsamen Abendessen in Auerbachs Keller und beim Abschlussempfang fortgesetzt und ergänzt. Die Ergebnisse des Kongresses sollen in einem Tagungsband veröffentlicht werden.

                                                                                                                                                                     Kurt Reinschke